Vergesslichkeit der anderen Art
Mai 17, 2008 by GabyDem hab ich schon so oft geholfen … All die Jahre hab ich sie so nett behandelt … Was hab ich für die nicht schon alles getan … Wer kennt diese Sätze nicht? Hat sie schon gehört oder selbst gesagt? Ich denke, keiner von uns kann sich davon ausschließen.
Aber Nächstenliebe ist keine Strichliste sondern ein Lebensstil. Anderen Gutes zu tun bzw. tun zu wollen, sollte im Idealfall unbewusst ablaufen, sonst kommt es früher oder später zur Enttäuschung, schlimmstenfalls zur Verbitterung. Aber dafür muss die Motivation stimmen.
Bevor ich vor fünfeinhalb Jahren soulfood4u.de ins Leben gerufen habe, hab ich mich hingesetzt und nachgedacht. Mir war es wichtig, meine Motivation zu ergründen. Ich hatte einige mit Begeisterung ihre Websites starten sehen, doch irgendwann stellte sich der Frust ein: viel Arbeit, wenig Feedback, keine unmittelbar sichtbaren Erfolge. Ich wusste, ich würde dem gleichen Muster folgen, wenn mein Fokus auf Menschen lag. Machen wir uns nichts vor, auch in der Christenheit leben wir in einer Konsumgesellschaft. Erst als ich mir sicher war, aus der richtigen Haltung heraus zu handeln, ging ich das Projekt an. Zurückblickend kann ich sagen, dass sich daraus Dinge und Kontakte entwickelt haben, die anders nicht zustande gekommen wären, die heute aber sehr wichtig sind für das, was Gott in meinem Leben tut bzw. zu tun beabsichtigt.
Jesus begegnete einer Frage, die eindeutig auf Quantität abzielte, “Wie oft soll ich meinem Bruder vergeben …?”, mit einer Antwort, die jegliche Frage nach Zahlen ad absurdum führte: Siebzig mal sieben. Wer kann schon 490 (!) Mal vergeben, wenn er geistig eine Strichliste führt? Hier steht deutlich Qualität gegen Quantität. Wir leben Vergebung, wir leben Nächstenliebe, wenn es unsere Natur – Christi Natur – ist. Alles andere brennt uns aus. Keine Sorge, unterm Strich stimmt die “Rechnung” trotzdem.
Ein Beispiel: Vor geraumer Zeit stolperte ich über die Website einer israelischen Übersetzerin, die ihre Dienste für Auswanderer etc. auch in Deutschland anbot. Die deutsche Version ihrer Site war aber voller Fehler. Klar, ich hätte sagen können, haha, schon wieder eine weniger im Wettbewerb, aber mir tat es einfach leid, weil es nun mal ihre Visitenkarte war. Also lektorierte bzw. korrigierte ich ihren Text, schickte ihn ihr mit ein paar taktvollen, netten Worten per E-Mail zu – und damit war die Sache für mich erledigt. Was sie daraus machte, war ihre Sache. Kurz darauf kam eine Antwort, worin sie sich überschwänglich bedankte. Sie fragte mich, ob ich ihr auch noch die restlichen Texte bearbeiten könnte. Da sie gerade erst neu ins Geschäft gestartet war, dachte ich, komm, wir sollen ja das Volk Gottes segnen, also hab ich die Arbeit für einen echten Hungerlohn ausgeführt. Aus diesen Anfängen hat sich ein netter loser Austausch per E-Mail und Telefon ergeben. Dann, fast ein Jahr später, rief sie mich an und fragte, ob ich das Lektorat für ein Kinderbuch, das sie übersetzt hatte, übernehmen würde. Das Erste aus einer Serie! Sie würde sich einfach freuen, auch mal etwas für mich tun zu können. Hätte ich damals nicht ein Herz für diese unbekannte Frau gehabt, wäre das nie zustande gekommen. Gott hat meine Saat, von der ich nicht wusste, dass es eine Saat war, um ein Vielfaches gesegnet.
Und diese Art von Erlebnis habe ich in den letzten fünf Jahren, also seit es für mich bewusst zum Lebensstil geworden ist, immer wieder gehabt. Nicht immer hat die Ernte dort stattgefunden, wo ich gesät hatte. Manchmal habe ich auch ein “fremdes Feld” abgeerntet, sozusagen – dafür hat aber jemand anderes unmittelbar von meiner Saat profitiert. Aber auch das ist ein Prinzip Gottes, bei ihm geht nichts verloren.
Also werfen wir doch einfach alle gedanklichen Strichlisten weg und fangen an, Liebe wirklich zu leben: Säen und vergessen.